20. Februar 2004

Shahabuddin David Less

Ein Interview mit Shahabuddin David Less für die Zeitschrift Connection März/April

Shahabuddin hat sein Leben der Verbreitung der Botschaft der Liebe, der Harmonie und der Schönheit unter Menschen aller Glaubensrichtungen und spiritueller Wege gewidmet und leistet Friedensarbeit auf der ganzen Welt. Er führt viele Menschen auf dem spirituellen Weg und lehrt Meditation, spirituelle Tänze und Sufismus. Seit über 35 Jahren erhält er direkte Führung von Pir Vilayat Inayat Khan und ist einer der „senior teachers“ im Sufi Order International.

Fragen

Antworten Shahabuddin

Sie kommen gerade von einer Reise über Australien, Neu Zealand, Indien, Israel, Frankreich, der Schweiz und jetzt sind Sie hier in Deutschland.

Welche Fragen sind es die Ihnen gestellt werden? Was beschäftigt die Menschen die zu Ihnen kommen?

Die meisten Menschen kommen mit Varianten ein und derselben Frage, einer im Grunde ganz einfachen Frage: im Inneren habe ich Zweifel, ob mein Leben einen Sinn hat, ich habe Zweifel, ob ich diesen Sinn werde finden können, ich habe Zweifel, ob ich diesen Sinn ausfüllen kann, wenn ich ihn gefunden habe, und dass ich, wenn ich diesen Planeten Erde verlasse, das Gefühl haben werde, "Oh, ich habe nicht alles getan, was ich hätte tun können." So kommen also viele Menschen zu mir und hoffen, dass ich ihnen helfen kann, diese Angst loszuwerden.

Ich glaube auch, viele Menschen erkennen, dass das Leben sehr künstlich ist - man könnte soweit gehen zu sagen - dass wir alle ziemlich verrückt sind, dass wir auch verrückt sind, wie wir versuchen, einander zu überzeugen, dass wir alle normal sind. Aber im Inneren suchen wir alle nach wirklicher Normalität. Und deshalb kommen die Menschen.

Und der zweite Grund ist, dass viele Menschen kommen, weil sie so sehr leiden und hoffen, dass ich oder irgendjemand anders ihnen helfen kann, etwas von diesem Leiden loszuwerden, einfach damit sie sich weiterentwickeln können.

Ist der Begriff Sufismus nicht auch ein Magnet?

Ja, und ich bin noch nicht einmal sicher, ob wir Sufis sind. Ich weiß, dass Sufismus heute die esoterische Seite des Islam bedeutet, und dass das, was ich Sufismus nenne, die esoterische Seite aller Religionen ist. Wenn ich also dem, was wir tun, heute einen Namen geben sollte, würde ich Universeller Sufismus sagen. Denn es beschränkt sich nicht auf irgendeine bestimmte Religion.

Universeller Sufismus ist ein spiritueller Weg den jede Frau und jeder Mann gehen kann. Wie genau sieht dieser Weg aus und wohin führt er?

Jeder Mann und jede Frau könnten sich auf diesen Weg begeben, aber viele fühlen sich davon nicht angezogen, weil er viel zu viel Freiheit einräumt und die Menschen keine Freiheit mögen; Menschen wollen, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen, Menschen wollen Grenzen, Menschen wollen Listen, wo steht, dies ist gut und das ist nicht gut, Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen sagt: Du bist ein menschliches Wesen, entdecke Dich selbst, geh und mach Fehler und finde heraus, wer du wirklich bist. Also für Menschen, die Regeln und Dogma wollen - was ok. ist - wenn das in der Natur eines Menschen liegt - für die ist dies nicht der richtige Weg.

Und, ... ich hab die zweite Hälfte Ihrer Frage vergessen - (Gelächter)

Ja, wohin dieser Pfad führt....

Das Schöne an diesem Weg ist vor allem, dass er sich ständig verändert. Die Lehre verändert sich und der Weg verändert sich. Er ist also nicht für jeden gleich, das Ende sieht bei jedem anders aus, jeder schreibt auf diesem Weg seine eigene Geschichte.

Außerdem ist es wichtig, sich darüber bewußt zu sein, dass der Sufismus eine große Bedeutung für die individuelle spirituelle Entwicklung hat. Für den esoterischen Weg jedes Einzelnen, für unser spirituelles Wachstum. Und dann gibt es noch den Sufismus, der sich sehr damit befasst, das Bewußtsein der Menschheit für die Tatsache zu wecken, dass wir alle ein Wesen sind, dass wir alle verbunden sind und dass unsere Verschiedenheiten da sind um geschätzt zu werden, und nicht um Scherzen zu verursachen.

Diese zwei Arten von Sufismus gibt es also.

Pir o Murshid Hazrat Inayat Khan hat den internationalen Sufi-Orden 1910 gegründet und die Botschaft des Sufismus in der westlichen Welt verbreitet und gelehrt.

In einem der ersten schriftlichen Darstellungen des Ordens steht u.a. „Niemals sich von Prinzipien versklaven lassen“ und „Die Vervollkommnung erreichen wo Mystizismus kein Mysterium mehr ist...“ dies sei Absicht des Ordens.

Warum werden nach wie vor bestimmte Lehren z.B. aus der esoterischen Schule oder dem Heilorden nur an eingeweihte Personen weitergeben? Für was dient die Einweihung?

Eine echte Lehre ist nicht zu trennen von dem Lernenden. Was wir in der Schule lernen, ist getrennt von uns. Da ist ein Lehrer, der im Klassenzimmer steht. Sie oder er unterrichtet bestimmte Grundsätze, und der Schüler lernt sie auswendig, arbeitet mit ihnen, und wenn sie interessiert sind, dann geht es etwas tiefer und sie lernen etwas. Sufismus ist anders. Bei jedem mystischen Weg ist die Lehre schon in uns. Aber sie vor unserem Bewußtsein verborgen. Was wir mitbringen müssen, ist ein sehr hoher Grad an Verbindlichkeit. Wir müssen unsere Bequemlichkeit riskieren, ich will nicht sagen, unser Leben riskieren, denn es geht hier nicht um Leben oder Tod , wir riskieren unsere Bequemlichkeit. Wenn wir bereit sind, ein Risiko einzugehen, wenn wir bereit sind, uns einzulassen, ohne zu wissen, worauf wir uns einlassen, dann kann etwas sehr Schönes aus jedem Einzelnen hervortreten.

Die Einweihung ist ein Akt des Risikos, niemand weiß, was sie wirklich bedeutet. Man ergreift die Chance, dass da irgendetwas im Unbekannten ist, zu dem man sich intuitiv hingezogen fühlt: hier ist meine Seele zuhause, hier gehöre ich hin, und man sagt nicht: also, Du mußt mir erst alles genau erklären und dann, wenn es mir gefällt, mache ich mit. Man sagt: ich vertraue einem Wissen, das höher steht als mein Urteilsvermögen. Denn unser Urteilsvermögen ist gerade das, wovon wir wegkommen wollen und deshalb sagen wir immer: ich will über meinen Verstand hinauswachsen und dann kommt der Moment, wo wir wählen müssen -. soll ich dies tun oder nicht, wir gebrauchen unseren kleinen Verstand zum Wählen und so geraten wir unweigerlich in Schwierigkeiten. Sufis und andere Wege fordern die Menschen also zur Verbindlichkeit auf.

Innerhalb des Internationalen Sufiordens gibt es neben dem Heilorden und der esoterischen Schule noch andere Zweige. Einer davon ist der Ziraat.

Was genau ist Ziraat?

Das Wort Ziraat bedeutet Landwirtschaft - aber für uns hat es symbolische Bedeutung, es steht für eine spirituelle Praxis, die einem hilft, den Geist zu entleeren und es ist der Zen-Praxis sehr ähnlich. Indem man seinen Geist ständig entleert, erfährt man ein Erwachen des Geistes.

Das ist ein Aspekt des Ziraat. Indem man den Geist reinigt und alles darin entfernt, nicht nur das Schlechte, auch das Gute, bis der Geist völlig leer ist. In diesem Moment, wenn der Geist vollkommen leer ist, kann er sich selbst erfahren und der Geist ist ein ganz kosmisches Behältnis. Er kann den ganzen Kosmos erfassen und wir füllen ihn an mit Nichtigkeiten. Das ist also der eine Aspekt des Ziraat, der andere ist die Verbindung zurück zu den Rittern des Templerordens, weißt Du, sie waren die Mystiker der Kreuzzüge, sie verbanden sich mit dem großen Herrscher Salahadin in Jerusalem und diese Fusion von Ost und West hat das menschliche Bewußtsein einen Schritt nach vorn machen lassen. So repräsentiert also der Ziraat, der weniger Ost und West verbindet, sondern Mensch und Natur, einen Schritt vorwärts im menschlichen Bewußtsein. Wenn wir beginnen, die Natur wieder als Lehrer wertzuschätzen und nicht als etwas, das wir meinen, kontrollieren zu können.

Viele Menschen in aller Welt haben mit Ihnen gemeinsam den Universellen Gottesdienst zelebriert. Was macht diese Feier so kraftvoll?

Der Universelle Gottesdienst ist eine symbolische Zeremonie, bei der für jede der großen Religionen jeweils eine Kerze angezündet wird und eine weitere Kerze, eine abschließende Kerze, für alle, die ausgelassen wurden. Die Propheten aus allen Zeiten haben einen Tag gesehen, an dem alle Religionen an demselben Altar Gottesdienst halten. Das bedeutet nicht, dass die Religionen verschwinden sollten, aber sie sollten ihren Glauben in Harmonie ausüben und nicht dieses egoistische Bedürfnis aufrechterhalten, zu meinen, die eigene Religion sei besser als die seiner Schwestern.

Und der Universelle Gottesdienst ist ein fassbare Repräsentation für die Vision der Propheten aus allen Zeiten, wo die Ausübenden aller Religionen am selben Ort am selben Altar zusammen Gottesdienst halten können.

Er sendet der Seele eine Botschaft, die eine Disharmonie befriedet, die seit Tausenden von Jahren in den Menschen wohnt. Es gab eine Notwendigkeit für die vielen Wege, die vielen Religionen, leider sogar die Notwendigkeit für Konflikt, damit das Neue Raum zum Wachsen bekam. Diese Notwendigkeit ist erfüllt worden. Nun gibt es eine Notwendigkeit für Harmonie, die Religionen sind dazu bestimmt, die Lehrer von Harmonie und nicht die Lehrer von Disharmonie zu sein.

Und doch, wenn wir heute unseren Planeten ansehen, ich war gerade in Israel und die Juden kämpfen gegen die Moslems, ich war in Nazareth und die Christen kämpfen gegen die Moslems, ich bin kürzlich in Indien gewesen und dort herrscht ein Konflikt zwischen den Religionen, ein starkes Aufleben des Hindu Fundamentalismus, hier wird die Botschaft oder die Vision der Propheten aus allen Zeiten nicht erfüllt.

Der Universelle Gottesdienst symbolisiert einen großen Schritt nach vorn in der Evolution des Menschen, es gibt im Universellen Gottesdienst keine Religion, die sich von der anderen abhebt, noch hat der Universelle Gottesdienst irgendeinen kulturellen Hintergrund, bei dem man denken würde, das kommt aus dem Osten oder aus Westen oder aus dieser Religion oder jener Philosophie, er ist ein Gefäß, das wirklich recht gut Einheit tragen kann. ...

Anfang Juni 2004 werden Sie in der Nähe von Frankfurt ein Retreat leiten. Könnten Sie den Lesern von Connection etwas mehr dazu sagen?

In der heutigen Welt glauben wir, dass wir uns eher durch Lernen als durch Erfahrung weiterentwickeln können. Und in diesem Seminar wird es sich die gesamten drei Tage um das Erfahren drehen. Es geht nicht um Konzepte, nicht ums Lernen, wir wissen genug, wir brauchen nicht mehr zu lernen, es geht darum, die Kraft der Töne, die Kraft des Lichts zu erfahren, die gewohnten Begrenzungen unseres Bewußtseins zu durchstoßen und unser Herz natürlich erwachen zu lassen, und einen Zustand der Ekstase zu erzeugen. Es funktioniert nicht immer. (Gelächter)

Sufis glauben an ein Gleichgewicht von Geist, Seele und Körper - deshalb sind einige Übungen, die wir machen und auch an diesem Wochenende machen werden, mit Bewegung sein, wo wir tatsächlich den ganzen Körper in die Meditation bringen.

In Ihren Seminaren wird oft getanzt, gesungen und auch gelacht. Möchten Sie uns zum Abschluss eine ihrer Zahlreichen Geschichten mit auf den Weg geben?

Es war einmal ein König und eine Königin in einem netten kleinen Land, und sie waren sehr, sehr glücklich. Die Menschen waren glücklich in diesem Land, und jeder lebte sein Leben in diesem kleinen Königreich. Es war wie in einem Märchen. Eines Tages beschloss der König, auf die Jagd zu gehen. An diesem Tag also sagte er: ich will Vögel jagen.

Und er ging hinaus in den Dschungel mit seinen Höflingen und seinen Jagdfreunden. Und hoch oben in den Bäumen saß ein wunderschöner Papagei. Und der König sagte: Wir müssen diesen Papagei fangen. Ich muss diesen Papagei haben. Also holten sie verschiedene Netze heraus und fingen den Papagei, und der König war sehr glücklich. Er war so aufgeregt. Sie brachten den Papagei zurück zum Palast und er rief die Königin und sagte: Schau, was ich habe, ich habe diesen wunderschönen Papagei mitgebracht. Und die Königin sagte: Oh, wir müssen dem Papagei einen wunderschönen Käfig bauen. So machten sie also einen Käfig aus Gold und setzten eine Stange aus Elfenbein hinein. Der Boden des Käfigs war mit Seide ausgelegt, und die Juwelliere mussten ständig neues Spielzeug für den Papagei fertigten, und der Papagei machte den König und die Königin sehr glücklich und sie liebten es, sich ständig neue Dinge auszudenken, die sie ihm in den Käfig tun konnten. Sie gaben dem Papagei das beste Futter und sie gaben ihm Rosenwasser zum Trinken. Eines Tages sagte der König zum Papagei: Ich gehe wieder in den Dschungel, wo ich dich gefangen habe. Soll ich Deinen Brüdern und Schwestern eine Nachricht überbringen? Der Papagei sah den König an und sagte: Ja, sag ihnen, ich will meine Freiheit. Der König hörte dies und wurde sehr wütend auf den Papagei, er sagte: Also, ich habe Dir einen goldenen Käfig gegeben und das beste Futter. Was soll das heißen? Und der Papagei sagte: Sag es ihnen. Ich will meine Freiheit! Da ging der König in den Dschungel und sagte: Nun ja, ich bin der König und ich habe dem Papagei versprochen, seinen Kameraden eine Nachricht zu überbringen, also muss ich es wohl tun. Und der König rief alle Papageien im Dschungel zusammen. Er stand auf dem Boden und sagte: Euer Bruder im Palast, er schickt eine Nachricht, er sagt, er will seine Freiheit.

Da fielen die Papageien, einer nach dem anderen, aus den Bäumen zu Boden und starben.

Der König war außer sich, er verstand überhaupt nicht, was geschehen war. Er geriet in große Verwirrung. Er rannte den ganzen Weg zurück zum Palast, ging zum Papagei in seinem Käfig und sagte: Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich habe den anderen Papageien Deine Nachricht überbracht, und sie fielen einer nach dem anderen aus den Bäumen zu Boden und starben. Als der Papagei dies hörte, fiel er von seiner Stange und starb.

Nun waren der König und die Königin sehr traurig. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Der König rief seine Diener und sagte: Tragt den Papagei hinaus in den Garten und beerdigt ihn an einem sehr schönen Platz. Da öffneten die Diener den Käfig und nahmen das Kissen mit dem Körper des toten Papageien darauf hinaus und brachten ihn in den Garten. Und als sie zum Garten kamen, sprang der Papagei auf und begann, davonzufliegen und der König sagte: Oh, du hast mich hereingelegt, du verräterischer Vogel und der Vogel sagte: Nein, es ist kein Verrat, wenn einer frei sein will und dann sagte der Vogel: Übrigens, die anderen Papageien sind auch nicht gestorben, sie haben sich nur totgestellt, um mir den Weg hinaus zu zeigen.

Also, was bedeutet diese Geschichte? Jeder von uns muss sich totstellen gegenüber den Dingen im Käfig, gegenüber den Dingen, die uns anmachen, lernen, sich von so vielen Dingen abzuwenden und herausfinden, was es bedeutet, frei zu sein.

Ende der Geschichte.

Ich hoffe, die Geschichte war nicht zu lang für ein Interview.

Vielen Dank!

 

Andreas R. Mosler 20. feb 2004 frankfurt am main

Information: shahabuddin-info@web.de

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